Gedicht des Monats
2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010
Dezember-Gedicht
Nada Pomper (*1942)
Bitte
Wenn Du um etwas bittest,
nimmst Du die Hände zusammen.
Und möchtest sie offen reichen,
die Flächen nach oben,
wie wenn Geschenke
zum Feste dargeboten werden.
Und sie mögen leer sein,
doch offen,
ausgebreitet,
für einen Flüchtling
Tisch und Bett.
(Aus: Poesiealbum neu »Texte gegen Intoleranz«
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
November-Gedicht
Jan Zänker (*1976)
Im Winter zu Johann S. laufen
Alles kann ich in der Stadt ertragen,
die Milch Kartons zu mir ins Haus.
Eine Stadtplanung zum Roden,
die schmutzige Ecke Vergangenheit.
Trockene Augen die mich umkreisen.
Einen Wecker der mich schlafen lässt.
Das kann ich alles schon gut ertragen.
Aber Schnee und Glatteis im November
dünn ausgelegt, fest genug für mein Gewicht
und Ledersohlen an mir, nein.
für R. K.
(Aus: Poesiealbum neu Heft 1/2007
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
Oktober-Gedicht
Barbara Schaffeld (*1952)
Jahrgang 89
Mit den Eltern nach Palma geflogen
als Au-pair in Florida gejobbt
von Düsseldorf nach Nizza getrampt
das Abitur in Belek begossen
Zu Weimar befragt
mit den Achseln gezuckt
(Aus: Poesiealbum neu »Deutschland. Gedichte«
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
September-Gedicht
Dieter Höss (*1935)
Heimische Küche
Der neue Spanier
ist schon wieder weg.
Der Grieche hat sich
auch nicht gehalten.
Sogar ein Italiener
hat dicht gemacht.
Der Türke hat
gar nicht erst Fuß gefasst.
Der Chinese hat sich
nicht durchgesetzt.
Der Thai hat gleich
das Handtuch geworfen.
Zuletzt gab der
Mexikaner auf.
Jetzt eröffnet der Gasthof
ZUM OCHSEN wieder
unter neuer Regie
mit veränderter Karte:
Tapas
Kalamaris
Lasagne
Sushi
Chop Suy
Chilli con carne
(Aus: Poesiealbum neu »Essen & Trinken«
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
August-Gedicht
Christel Hartinger (*1941)
bb today
ach, wie soll ich es fassen
daß mir sein vers
seine szene und sein notat
all die östlichen jahrzehnte
hindurch eine fordernde
erinnerung gewesen sind
heute aber akute
nachricht.
(Aus: Poesiealbum neu »Bilanz«, Heft 2/2007
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
Juli-Gedicht
Lutz Rathenow (*1952)
Dorotheenstädtischer Friedhof, Berlin,
der Dichter Hilbig wird beerdigt
1
Als ich den handtellervoll Erde in das Grab warf,
sah ich den Sarg nicht, nur Blumen Blumen Blumen,
frech farbig, kräftig funkelnd, als wollten sie
zu einer blühenden Sperre zusammenwachsen.
Vor dem Unten, das schrecklich schön immer
Aus seinen Zeilen leuchtete – vor der Dunkelheit,
die bald darauf sich auf Blumen und Holz legt.
2
Er hat keine Angst und muss sich nicht verstecken
In einem stählernen Sarg. Da liegt er nun, endlich
Zur Ruhe verführt. Der ewige Heizer in seinem Himmel
Aus Erde, ein Stück Kohle begleitet ihn auf dem Weg
Ins Unsichtbarsein.
(Aus: Poesiealbum neu »Die vier Elemente«, Heft 1/2008
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
Juni-Gedicht
Beatrix Haustein (1974-2002)
hunger u. durst
u. hier der zirkelkasten, das dreieck,
das lineal, linien ziehen, wohin,
kreise, kreisen kreisen, schwindlig
mein kopf auf dem tisch, wann
ist die milchpause, das pausenbrot von
vor drei tagen in der schultasche
unterrichtet in was, richtig
gerichtet, richten, rechts, links,
zwo, drei, vier, hand auf
der wange, von weither mutters
handtasche, mutters geldbörse
grüßt, augen geradeaus, verdroschen
anstatt zwei groschen für
die milch, heute ist fahnenappell
mutter sagte – du liegst mir
auf der tasche u. frisst mir
aus der hand – mein gammliges
schulbrot du, du, lass uns grüne
kreise ziehen im schulhof,
versteckt in der ecke
(Aus: Poesiealbum neu Heft 1/2010 »Essen & Trinken«
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
Mai-Gedicht
Günter Ullmann (*1946)
GEDICHTEMACHEN
Kinder, wir machen ein Gedicht:
Erst löschen wir das Licht,
dann schließen wir die Augen,
daß wir zum Träumen taugen.
Bis die Worte auf den weißen Bogen springen,
laßt uns singen.
(Aus: Poesiealbum neu Heft 2/2008 »Gedichte für Kinder«
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
April-Gedicht
Johanna Anderka (*1933)
Flaute
Schlafäugig das Meer
aus blauer Milch
der Himmel
Die Ufer schwimmend
aufgelöst was band
verwischt was trennte
Worte gibt es wie Steine
und andre wie Muscheln
leergespülte Schalen
Nur manche sind Boote
befrachtet mit Angst
und Vertrauen
sind Segler
geheimer Routen kundig
Ich warte auf Wind
(Aus: Poesiealbum neu Heft 1/2008 »Die vier Elemente«
Edition kunst & dichtung, Leipzig)
März-Gedicht
Monika Hähnel (*1947)
Erinnerung
In der Erinnerung wächst
die zufällige Kussfrau
zur unsterblichen Geliebten
das verminte Land
zur glücklichen Insel
(Aus: Poesiealbum neu 2/2009 »Deutschland. Gedichte«
Edition kunst & dichtung, Leipzig)